Die Kunst des Auslassens

Den meisten Zuschauer fällt es zurecht oft nicht auf und dennoch handelt es ich um einen wichtigen Bestandteil im Film, der gerade durch sein Fehlen wirkt: Es ist die Auslassung. Sie ist exakt genauso wichtig wie die Bilder, die im Film gezeigt werden.

Denn kein Film findet in Echtzeit statt. Film ist Selektion. Das heißt, es wird nicht jedes zu Bett gehen, jede Mahlzeit oder jeder Gang gezeigt. Es wird nicht einmal jeder Tag gezeigt. Der Film ist kein Abbild des Lebens, der Film ist ein Film – spannend und erst filmisch durch die Auslassung.

„Nun schön und gut, aber was bitte hat das mit Corporate zu tun?“, denken Sie sich jetzt vielleicht. Eine ganze Menge. Denn es wird auch in einem Corporate Film nicht jeder Gang (und erst recht kein Toilettengang) gezeigt. Auch hier sollen nur die spannendsten und wichtigsten Aspekte und vielleicht auch eine kleine Geschichte erzählt werden. Das Problem entsteht hier meistens an anderer Stelle: Die meisten Corporate Filme sind schier überladen mit Informationen. Oft wird sich hier wiederholt, um es den entscheidenden Stakeholdern recht zu machen, es werden zu viele Aspekte oder ganze Themenbereiche in einen einzigen Film gedrängt oder es werden Dinge erzählt, die sich völlig abstrakt und weit weg von den Bedürfnissen der Zielgruppe befinden. Manchmal verliert man im Anbetracht aller Interessengruppen und unternehmenspolitischer Korrektheit das Gefühl dafür, ab wann der Film nicht mehr spannend ist.

Auch über die Bildebene hinaus wird auf der Tonebene in einem guten Film nicht alles gesagt oder verraten. Das erzeugt nicht nur Kurzweile, sondern auch das Bedürfnis des Zuschauers dranbleiben zu wollen. Denn durch das Auslassen von Informationen wird der Betrachter involviert, weil dieser unbewusst versucht, den geheimnisvollen Wissenslücken auf die Spur zu kommen. Das kann man wunderbar bei Krimis oder Mystery-Filmen beobachten. Hier werden absichtlich besonders große Wissenslücken geschaffen. Aber auch bei Dramen oder Actionfilmen gibt es immer Geheimnisse, sei es bei den Figuren, den Ereignissen oder zumindest für den Ausgang der Geschichte. Ein gutes Beispiel bietet hierfür David Lynchs Serie „Twin Peaks“, die 1990 das erste Mal auf dem amerikanischen Sender ABC ausgestrahlt wurde. Die Produzenten der Serie fürchteten, dass die Zuschauer abspringen würden, wenn sie noch länger darauf warten müssten zu erfahren, wer der Mörder von Laura Palmer ist – und drängten David Lynch und Mark Frost zur baldigen Lüftung des Geheimnisses. Doch das Gegenteil passierte: Nach der Enthüllung des Mörders verlor die Serie mehr und mehr Zuschauer und wurde schließlich eingestellt.

Meister der Auslassung sind zum Beispiel die Coen-Brüder. Mittlerweile sind die beiden so weit, dass sie ganze Handlungsstränge nur noch andeuten. Einfach, weil sie auf die Transferleistung der Zuschauer vertrauen. Es gibt Filme, die soweit gehen, sogar bis zum Schluss nicht alle Geheimnisse zu lüften, die ihre Magie bis über den Abspann hinaus bewahren. Springen deswegen die Zuschauer ab? Nein, im Gegenteil – das hat dann unzählige Kommentare in Diskussionsforen zur Folge, weil die Menschen immer versuchen, Geheimnisse bis zum Get-no-more zu lüften.

Worauf ich hinaus möchte: Die Auslassung macht den Zuschauer neugierig und zieht ihn in die Geschichte – und das teilweise sogar über das Filmende hinaus. Und ist es nicht das, was jeder Corporate Film auf die eine oder andere Weise möchte: seine Zielgruppe überzeugen und für sich gewinnen? Das erreicht man nicht, indem man den Zuschauer mit Informationen überlädt. Im Gegenteil: Er sollte genau die Informationen erhalten, die neugierig auf mehr machen!

Natürlich ist es nicht immer leicht, bei Abstimmungsprozessen mit vielen Akteuren alle Anmerkungen abzuschmettern. Aber das Problem, das daraus entstehen kann ist, dass sich der Fokus oft zugunsten der Vollständigkeit und nicht zugunsten der Zielgruppe verschiebt. Und Vollständigkeit ist das Gegenteil von Auslassung und Neugierde.

Ich hoffe, Ihnen hiermit einen neue Denkanstöße für Ihren nächsten Corporate Film gegeben zu haben. Vielleicht können Sie ein Auge darauf haben, ihn nicht zu überladen und so die Botschaft zu stärken. Sollten Sie eine fundierte Beratung dazu wünschen, wie sie das Wichtigste in Ihrem Film auf effiziente Weise sagen können, melden Sie sich gerne jederzeit bei uns.

 

Zarah Ziadi, mmpro-Redaktion

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