Frau mit Fernbedienung isst Popkorn - Auch Corporate-Formate können können - in Serie - süchtig machen

Wenn Muttis plötzlich Serien suchten

Kult-Shows als Unternehmens-Serien

Warum Formate wie das Familien-Duell oder Dingsda der absolute Engagement-Pusher für Unternehmen sind

 

Heißer Scheiß auf Abruf

Dass Serien und Filme On Demand (also auf Abruf, wie bei Netflix) omnipräsent auf dem Bewegtbildmarkt sind, ist nichts, was mir hier im ersten Satz den Titel Trendguru verleiht. On Demand kennt selbst meine Mutter. Die spricht es zwar komisch aus, weiß aber Bescheid. Zuletzt hat sie Babylon Berlin gesuchtet (nein, kein Schreibfehler. Suchten, von Sucht). Ok, auch das hat sie so nicht gesagt. Aber getan. Sie ist aus Versehen richtig up to date. Seit mein Bruder sie von Sky überzeugt hat, damit er kostenlos den Go-Account nutzen kann, ist der Medien-Alltag der 64-Jährigen ein anderer. Es werden etwa nicht mehr die sehenswertesten Formate in der HÖRZU (Fernsehzeitschrift jahrzehntelangen Vertrauens) mit mehr oder weniger dicken Kreuzen und/oder Fragezeichen markiert. Nein, „ach, ich weiß doch jetzt noch nicht, was ich in einer Woche gucke“ wird auf Nachfrage entsetzt erwidert. Das Kreuzworträtsel und das Original und Fälschung-Suchbild werden zwar noch bearbeitet, aber bei Wissenslücken „mal eben im Tablet nachgeguckt“. Die abendlichen Käse-Schnittchen müssen nicht mehr pünktlich zu Casino Royale mit den Gürkchen drapiert auf dem Wohnzimmertisch stehen. Nein. Man ist jetzt flexibel. Ganz der Trend. Immer noch nichts Neues, denken Sie? Stimmt.

Was sind also Trends, die nicht schon die eigene Mutter lebt?

Nun, wir befinden uns im Bereich Unternehmensfilm. Und da ist die Dynamik der Trendwenden nicht so rasant, wie auf dem sonstigen Bewegtbildmarkt. Gut für mich, so kann ich Ihnen hier zumindest noch etwas Neues erzählen. Eine der spannendsten Entwicklungen, die noch nicht in der breiten Masse angekommen ist: Der Trend zu Unternehmens-Serien. Erste Vorreiter gibt es: In der Werbung verfolgen wir die Check24-Familie[1] im Sitcom-Stil á la Al Bundy. Die sensationellen Spar-Erlebnisse der Bergmanns und der Krugers kommen im charmanten Flachwitz-Flair daher und werden sogar mit den stilechten Lachern aus dem Off begleitet. Die Bundeswehr nutzt mit Mali[2] eine eigene Doku-Serie auf YouTube um Bewerber zu recruiten und auch intern bespielen Großkonzerne ihr Intranet seriell, etwa mit Schulungs-Clips oder Life-Hacks. Da wir in unserer Filmproduktion zunehmend entsprechende Anfragen bekommen, haben wir seit 2017 eine eigene Formatentwicklung in die Redaktion integriert. Da entstehen täglich neue Ideen für Storytelling-Formate und Unternehmensserien.

„Ich habe letztens was Geiles gesehen!“

Beim Redaktions-Mittagessen wird lecker aufgetischt. Auch der künftige Augenschaus der Kreativ-Schmiede. „Kennt ihr Rocket Beans?“ wird in die Runde gefragt. Ja, das kennt man. Für jemanden, der es nicht kennt: Rocket Beans TV ist ein deutschsprachiger Livestream-Kanal aus Hamburg. Entstanden als reiner YouTube-Kanal, begleitend zu einer Game-Serie auf MTV, wurde das Projekt der offizielle Sender der Firma und strahlt fortan Inhalte auf den Internetplattformen YouTube, Twitch sowie waipu.tv aus. In unserer Redaktion kannte man Rocket Beans TV also, aber mehr mit Inhalten aus dem besagten Konsolen und Online-Gaming-Umfeld. „Nee, die machen viel mehr. Die haben Familien-Duell wiederaufleben lassen. Hammergut!“ Nun, jetzt allerdings wusste nicht mehr jeder am Mittagstisch Bescheid. Familien-Duell?

Ernsthaft? Ihr kennt Familien-Duell nicht??

Zur liebevollen Erläuterung des Formats: Familien-Duell ist eine Gameshow aus den 90ern, hauptsächlich auf RTL ausgestrahlt. Moderator war Werner Schulze-Erdel. Mit seinem Charme, irgendwo zwischen ulkigem Staubsauger-Vertreter und professionellem Entertainer, war er einer der vielen buntbefrackten Urgesteine, damaliger TV-Quietschigkeit. Werner Schulze-Erdel, Peter Bond, Jörg Draeger oder Harry Wijnvoord bespaßten vormittags bis vorabends in bunten Studiokulissen eine breite Zielgruppe. Das kostete nicht viel und war dabei ungemein beliebt. Aber zum Spielprinzip: Zwei Familien treten mit jeweils fünf Personen gegeneinander an. Etwa Familie Schmidt aus Zwickau gegen Familie Müller aus Ulm. Schon die Vorstellungsrunde der Familienmitglieder macht Lust auf mehr (und ein exemplarisches Zitat ist eine Zwischen-Überschrift wert.)

„Ich bin der Hartmut und ich gebe es euch heute hart und mutig.“

Dann geht es ans Eingemachte. Am Anfang einer Runde kommt aus jeder Familie eine Person nach vorne. Der Moderator stellt die erste Frage. Dabei werden die Antworten gesucht, welche die meisten von 100 zuvor befragten Personen genannt haben. Zum Beispiel „Nennen sie ein besonders farbenträchtiges Tier.“ Wer zuerst auf seinen Buzzer schlägt, darf die Frage beantworten. Nennt der Kandidat direkt die Top-Antwort (am häufigsten gegebene Antwort; in diesem Fall vielleicht „Papagei“), spielt seine Familie in dieser Runde weiter. Wenn nicht, er ad hoc zum Beispiel spontan „Zebra“ sagt (wirklich passiert), darf der andere Kandidat ebenfalls antworten, um eine bessere Antwort abzugeben. Wurde diese Antwort häufiger gegeben, darf dessen Familie die Runde fortführen. Im weiteren Verlauf der Runde gilt es dann auch noch die anderen Antworten zu finden. Dabei wird jedes Familienmitglied der Reihe nach befragt und die Familie darf sich nicht untereinander beraten. Ja, natürlich lebte die Sendung, neben dem Mitrate-Faktor, vor allem von Antworten wie „Zebra“.

Die Rocket Beans haben das Format also aufgegriffen und etwas modifiziert. Und das, wie bereits angeteasert, „ziemlich geil“ – und nicht als reine Satire. Sie persiflieren zwar das Winken und etwas hölzerne Vorstellen a lá Hartmut, übernehmen aber das ursprüngliche Format größtenteils. Und das geht auf! Es macht tatsächlich viel Spaß beim Zuschauen. Was besonders spannend ist: Die Macher haben das Themenspektrum erweitert. Neben Fragen aus dem Hund/Katze/Maus-Allgemeinwissen wurden solche aus dem eigenen Kosmos ergänzt. Bei den Rocket Beans also Rate-Kategorien rund um Games, „Nerd-Stuff“ und die eigenen Show-Formate. „Das ist ziemlich grandios, wenn man das für Unternehmen weiterdenkt!“ Am Redaktions-Tisch sind jetzt die Kreativen hellhörig. „Zum Beispiel im Bereich Recruiting oder Onboarding: Nenne ein Soft-Skill, das man in unserer IT-Abteilung braucht/ Nenne den wichtigsten Kunden/ Nenne einen Unternehmens-Sitz.“ Und noch eine ziemlich intelligente Idee unterscheidet das Format der Rocket Beans von dem der 90er: Die damals noch klassische Befragung ‘Wir haben 100 Leute gefragt‘, wird heute über den Social Media-Chat gelöst. Facebook, Twitter oder WhatsApp. Engagement pur! Wenn also eine Firma medial ganz gut aufgestellt ist, lässt sich eine ganze Kampagne aus der Serie machen. Bei großen Konzernen läuft auch viel über das weltweite Intranet. „Wenn wir das übersetzen, oder direkt in englisch anbieten, funktioniert das auch international.“ „Sowieso.“

Die Redaktion ist angeknipst

„Kennt ihr noch Montagsmaler?“ fragt eine Kollegin zwischen den letzten Burgerbissen. Na klar, kennt man das (haben übrigens die Rocket Beans auch schon wiederentdeckt). „Wäre doch voll gut als Teil einer Fortbildung denkbar. Mit Unternehmens-Inhalten. Und im Nachhinein eben auch im Intranet verfügbar.“ „Oder Dingsda. Mit Azubis, statt Kindern.“ „Ruckzuck wäre auch extrem gut spielbar.“ Wow, da ist eine Menge drin. Welches Format sehen wohl die Leiterinnen und Leiter aus Marketing und Kommunikation ganz vorne? Das werde ich herausfinden. Genau wie die Frage: Welches Format würde Mutti suchten?

5 kultige Formate für weltweite Unternehmens-Serien

(mit lustigen Links in schlechter Qualität):

 

  1. Familien-Duell
  1. Ruck Zuck
  1. Montagsmaler
  1. Dingsda
  1. Wetten Dass!?

Von Christiane Freitag (die sich über Anfragen freut)

[1] https://www.wuv.de/marketing/check24_die_ersten_beiden_folgen_der_sitcom

[2] http://www.spiegel.de/netzwelt/web/bundeswehr-youtube-serie-mali-mit-gefuehlsdusel-auf-rekrutensuche-a-1173293.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.